Musterlösung Weiblichkeit

Lange Haare, immer fröhlich, zurückhaltend, scheut Konfrontationen und entspricht dem Wunsch der Eltern. Definitiv die Beschreibung einer weiblichen Person, oder etwa doch nicht? Alle aufgezählten Attribute können jedwedem Menschen zugewiesen werden. Warum jedoch verbinden wir in unserer oftmals als emanzipiert bezeichneten Gesellschaft bestimmte Eigenschaften mit einem spezifischen Geschlecht? Ist es einfacher, gewünschte Effekte auf Menschen auszuüben, wenn diese bereits in der Definition eines ihrer Merkmale enthalten sind? Oder verbirgt sich noch mehr hinter einem Jahrhunderte alten System, welches bis heute von vielen Menschen übersehen wird? Weil es unser Denken mitbestimmt und teilweise als naturgegeben propagiert wird.

Die Musterlösung Weiblichkeit, sozusagen ein Konzept, nach welchen eine Frau im Sinne der Gesellschaft entstehen soll, hat im Laufe der Jahrhunderte ebenso viele Entwicklungen durchlaufen wie das Konzept der Männlichkeit. Es wurde ergänzt, ausgeweitet, eingeschränkt, in wenigen Fällen sogar aufgelöst. Immer dort, wo es zum Einsatz kam, waren Abweichungen jeder Art automatisch negativ konnotiert. Sei es, wenn mehr Attribute eine Person ausgemacht haben, als ihre Klassifizierung ihr vorschrieb. Oder, dass manche „typischen“ Erkennungsmerkmale nicht von ihr verkörpert wurden. Unabhängig davon, wie man sich als Subjekt entscheidet, solch ein System schränkt die Gedanken-und Handlungsfreiheit einer Person massiv ein. Egal ob dessen Grenzen registriert werden oder nicht. 

Wie die Menschen in Platons Höhlengleichnis, sehen wir nur unsere eigene Welt und können ohne Vergleiche nicht eindeutig beweisen, ob unsere Umwelt und die Gesetzmäßigkeiten, nach denen wir leben, natürlich sind. Jede Abweichung von der als natürlich definierten „Norm“ kann jedoch schon als Indiz für ein fehlerhaftes System angesehen werden. Auf dieser Basis lässt sich die Frage aufstellen, wie eine Gesellschaft ohne die Zwänge einer Geschlechterklassifizierung- und Beurteilung funktionieren würde. Und ob wir – die Menschheit – irgendwann schon einmal ohne künstliche, zwanghafte Aufteilung funktioniert haben. Ein Blick in die Vergangenheit unserer Spezies kann so manche Vorstellungsblockade und Frust, der sich angesammelt hat, aufheben.

Die gute Nachricht ist: Menschen sind untereinander viel diverser, als künstlich zusammengestellte Gruppen sich voneinander unterscheiden. Vor allem bevor wir sesshaft wurden, hat jedes Mitglied einer Gemeinschaft Aufgaben nach seinen Fähigkeiten und Präferenzen übernommen, ungeachtet von Kriterien, die seine Entscheidungen von vorneherein beeinträchtigt hätten.

Die schlechte Nachricht ist: Aus einem System, das ursprünglich zur sinnvollen Vergabe von Aufgaben und Zuständigkeiten gedacht war, haben einige Gesellschaften diverseVerfahrensweisen kreiert, die strukturell bestimmte Menschengruppen zugunsten andererunterdrücken! Wer trägt die Verantwortung für eine solch menschenverachtende Entwicklung? Die „Aggressoren“, die sich selbst Vorteile verschaffen wollten und wollen, indem sie andere entrechtet und diskriminiert haben und bis heute diskriminieren? Oder die Opfer, die sich nicht gegen ihre Entrechtung gewährt haben? Die Antwort ist wie in so vielen Fällen nicht eindeutig und variiert je nach Situation und Zeitpunkt. 

Eines ist jedoch gewiss: Die Auswirkungen unseres kollektiven Gedankenkonstruktes, welches über die Zeit hinweg besagte Repressalien konventionalisiert hat und uns diese heute als naturgegeben präsentiert, sind verheerend! 

Um nur eines von vielen Beispielen zu nennen: Das Problem der unterproportionierten oder sogar überhaupt nicht vertretenen weiblichen Repräsentanten innerhalb diverser Professionen,geht auf allen Kontinenten mit Ausnahme von wenigen Volksgruppen und Abnormalitäten,weit in die Vergangenheit zurück. Nicht umsonst werden im Deutschen viele Namen und Berufsgruppen generisch mit dem Maskulin gebildet. Wenn wir an Philosophen, Politiker,Professoren, Krieger denken, haben die Meisten von uns automatisch das Bild eines Mannes vor Augen. 

Wie sollen wir Mädchen und Frauen uns durch charakterstarke Lebenslotsen in unseren Handlungen und unserem Sein inspirieren lassen, wenn uns diese fast ausschließlich in männlicher Form begegnen? Unser Geschlecht also automatisch degradiert wird und als unfähig, unmündig abgekanzelt wird.

Wo Frankreich noch seine Jeanne d´Arc hat, kann uns die deutsche Historie kein Beispiel einer weiblichen Kriegerin bieten, die für ihre Überzeugungen selbst einsteht. 

Dabei gibt es sie in jeder Kultur! Weibliche „Hidden Figures“, denen wie Lise Meitner ihr Nobelpreis, ihre bahnbrechenden Forschungsergebnisse von Männern abgesprochen und alsmännliche Errungenschaften verkauft wurden. Entscheidend hierbei ist, wie die Historie mit diesen herausragenden Frauen verfährt. Durch gezielte Aussparung und Umdeutung der Geschichte wird Einfluss auf unser Verständnis von der Rolle der Frau in der Geschichte genommen.

Dabei ist ironischerweise der erste, durch bis heute erhaltene Schriften belegte Autor der Menschheit eine Frau! Dieses bedeutende Verdienst für die Reichhaltigkeit und Fülle unserer Kultur hat Enheduanna jedoch nicht zu weltweiter Bekanntschaft verholfen, im Gegensatz zum ersten Historiker Herodot. An dieser Stelle muss man sich zwangsläufig fragen, warum ihr Name in der Versenkung der Bedeutungslosigkeit verschwunden ist.

Wie durch Umdeutung der tatsächlichen Ereignisse das Bild der Frau zugunsten einer chauvinistischen Gesellschaft gewandelt werden kann, zeigt sich am Beispiel der ersten japanischen Königin, Himiko. Trotz ihrer Rolle als Begründerin des japanischen Königtums, aus dem sich in weiterer Folge das japanische Kaisertum entwickelt, sowie ihrer entscheidenden diplomatischen und politischen Fähigkeiten, gilt sie, durch später entstandene Verklärungen, eher als Marionette ihres Bruders denn als souveräne Herrscherin. 

Bei all dieser – wie sollte es anders sein – bis heute chauvinistisch geprägten Historie, gibt es erfreulicherweise auch Lichtblicke:

Die Vorstellung emanzipierter Literatinnen in „… und darf nur heimlich lösen mein Haar“,sowie die eingehende Betrachtung diverser Frauen des Mittelalters in Machtpositionen in „FEMINA Eine neue Geschichte des Mittelalters aus der Sicht der Frauen“ ermöglichen uns einen Einblick in die tatsächliche Lebensrealität einiger unserer Vorgängerinnen.

Das geschriebene Wort soll uns idealerweise zu einem besseren Selbstverständnis führen. Sowohl die negativen, als auch die positiven Beispiele des Umgangs mit unserer Geschichte dienen allerdings einem noch viel höheren Ziel.

Sie sollen uns zu einem Handeln befähigen, dass aus Objekten Subjekte entstehen lässt, indem wir die bereits erkämpften Errungenschaften der Gleichberechtigung in ihrer Tradition weiterführen und ausweiten!

Aurelia Krljan, Q12