Ein Sonntagabend

Eines warmen Sonntagabends, als ich gerade mein Abendbrot abräumte, klopfte es an der Tür. Ich öffnete sie, doch fand keinen Menschen vor, wie erwartet, stattdessen saß dort eine Taube. Sie stand dort ganz allein und durchforstete mit ihrem Blick meinen Eingangsbereich. Ich wollte die Tür schließen, doch ging die Taube einen Schritt voran, nicht hastig, bestimmt und mit aller Ruhe trat sie in mein Heim.

„Sie können hier nicht hinein“, sagte ich mit fester Stimme, obgleich ich nicht wusste, ob die Taube mich verstehen würde. Sie neigte den Kopf und schaute hinauf, als würde sie eine Erklärung für mein Handeln fordern. Ich überlegte, ob ich verpflichtet war, Gründe anzugeben. Nirgendwo stand geschrieben, dass man Tauben Zutritt gewähren müsse, aber ebenso wenig stand geschrieben, dass man sie abweisen dürfe.

Nun warteten wir. Minuten vergingen, die Taube und ich tauschten immer wieder Blicke aus, doch keiner wagte es, sich zu bewegen oder gar einen Ton von sich zu geben. Nach langer Zeit des stillen Kampfes entschied ich mich, zur Seite zu gehen.

Die Taube spazierte durch mein Haus, als wär’s nicht das erste Mal, und setzte sich schließlich auf meinen Stuhl zum Abendmahl.

Ich überlegte, die Polizei zu rufen, doch wie könnte ich nur mein Problem beschreiben? Der Vogel hatte sich nichts zuschulden kommen lassen, nur meinen Sitzplatz belegt.

„Nun gut, so soll es sein“, entgegnete ich dem grauen Vogel, „was wünschen Sie denn zum Abendmahl?“. Unbeeindruckt regte die Taube keinen Muskel und starrte ins Nichts.

Besiegt entschloss ich mich, meine Augen auf dem Sofa im Nebenzimmer auszuruhen. Am nächsten Morgen war die Taube weg, und eine unangenehme Einsamkeit erfüllte den Raum.

Seit dieser Nacht weiß ich nicht, ob ich mich auf den Stuhl setzen darf oder ob er für die nächtlichen Besuche reserviert ist.

Luis Conrad, Q13